U-Boot-Krieg im Zweiten Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg war die groesste U-Boot-Konfrontation der Geschichte. Im Atlantik kaempften deutsche U-Boote gegen alliierte Konvois in einer Schlacht, die Winston Churchill als "die einzige Sache" bezeichnete, die ihn im Krieg wirklich erschreckte. Im Pazifik zerstoerten amerikanische U-Boote die japanische Handelsflotte fast vollstaendig. Technologische Innovationen - von Enigma bis Radar, vom Schnorchel bis zum Typ XXI - praegten einen Krieg, in dem Tausende ihr Leben verloren.
Der laengste Feldzug des Krieges
Die Atlantikschlacht begann am ersten Tag des Krieges - dem 3. September 1939 - als U-30 den britischen Passagierdampfer SS Athenia versenkte (irrtuemlicherweise fuer einen bewaffneten Handelskreuzer gehalten) und endete erst mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. In diesen 2.075 Tagen wurde auf beiden Seiten ein erbitterter Kampf gefuehrt, der Millionen Tonnen Schiffsraum und Zehntausende Menschenleben kostete.
Grossadmiral Karl Doenitz, der Befehlshaber der U-Boote (BdU), hatte vor dem Krieg berechnet, dass er 300 U-Boote gleichzeitig im Einsatz brauchte, um Grossbritannien in die Knie zu zwingen. Bei Kriegsbeginn hatte er nur 57 - davon nur 22 fuer den Atlantik geeignet. Trotzdem erzielten die wenigen U-Boote verheerende Erfolge, da die alliierte U-Boot-Abwehr in den ersten Kriegsjahren unzureichend war.
Im Pazifik fuehrten die USA einen ebenso brutalen U-Boot-Krieg gegen Japan. Amerikanische U-Boote versenkten 1.314 japanische Handelsschiffe (5,3 Millionen BRT) und 201 Kriegsschiffe, darunter 8 Flugzeugtraeger und 1 Schlachtschiff. Der Verlust der japanischen Handelsflotte war ein entscheidender Faktor fuer die Niederlage Japans - die Inselnation konnte ohne Importe nicht ueberleben.
Die fuenf Phasen des Atlantik-U-Boot-Krieges
Phase 1: "Die glueckliche Zeit" (1940-1941)
Juli 1940 - Maerz 1941Nach dem Fall Frankreichs nutzten deutsche U-Boote die franzoesischen Atlantikhaefen (Lorient, Brest, Saint-Nazaire, La Rochelle) und konnten direkt in den Atlantik auslaufen - ohne die gefaehrliche Passage um Schottland. U-Boot-Asse wie Otto Kretschmer (U-99), Guenther Prien (U-47) und Joachim Schepke (U-100) versenkten Schiff um Schiff. Die alliierten Geleitzuege waren schlecht geschuetzt, und die U-Boote griffen oft nachts an der Oberflaeche an, wo ASDIC sie nicht erfassen konnte. Kretschmer perfektionierte die Taktik, im Inneren des Konvois aufgetaucht zu bleiben und aus naechster Naehe zu schiessen.
Phase 2: Der Atlantik-Krieg eskaliert (1941-1942)
April 1941 - Dezember 1942Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 startete Doenitz "Operation Paukenschlag" - U-Boot-Angriffe auf die praktisch ungeschuetzten Handelsrouten an der US-Ostkueste. Im ersten Halbjahr 1942 wurden vor der amerikanischen Kueste Hunderte Schiffe versenkt - die "Zweite glueckliche Zeit". Die US Navy hatte keine Erfahrung mit U-Boot-Abwehr und setzte das Konvoisystem nur langsam um. Gleichzeitig wurde die M4-Enigma eingefuehrt, die Ultra blockierte. 1942 war das verlustreichste Jahr: 6,3 Millionen BRT wurden versenkt.
Phase 3: Die Wende - "Black May" (1943)
Januar - Mai 1943Im Fruehjahr 1943 kippte die Balance endgueltig zugunsten der Alliierten. Verbesserte Technologien - Zentimeterwellen-Radar (H2S/ASV Mk III), das die U-Boote nicht mit ihrem FuMB orten konnten, HF/DF (Huff-Duff) zur Peilung von Funkspruechen, Langstrecken-Seeaufklaerer (B-24 Liberator mit Leigh Light) und verbesserte Wasserbomben-Taktiken - ueberwaeltigten die U-Boote. Im "Black May" 1943 verlor Deutschland 41 U-Boote in einem Monat. Doenitz zog die U-Boote am 24. Mai 1943 vorlaeufig aus dem Nordatlantik zurueck.
Phase 4: Technologischer Wettlauf (1943-1944)
Juni 1943 - Dezember 1944Deutschland versuchte, den technologischen Rueckstand aufzuholen: Akustik-Torpedos (T5 Zaunkoenig) gegen Begleitschiffe, verstaerkte Flak-Bewaffnung, Schnorchel fuer Unterwasser-Diesel-Betrieb und neue U-Boot-Typen (Typ XXI, Typ XXIII). Die Alliierten antworteten mit Geleit-Flugzeugtraegern (MAC Ships und CVE), verbesserten Taeuschkoerpern (Foxer gegen T5-Torpedos) und immer mehr Patrouillenflugzeugen. Die U-Boot-Verluste blieben hoch: Etwa 20 pro Monat. Dennoch hielt Doenitz den U-Boot-Krieg aufrecht, um alliierte Ressourcen zu binden.
Phase 5: Endkampf (1945)
Januar - Mai 1945In den letzten Monaten des Krieges setzte Deutschland vermehrt Typ XXIII-Boote (kleine Elektro-Boote) und wenige Typ XXI ein. Der Schnorchel war nun Standard. Die Verluste waren weiterhin hoch, und die Versenkungen gering. Am 4. Mai 1945 befahl Doenitz allen U-Booten die Einstellung der Kampfhandlungen. 156 U-Boote ergaben sich, 221 wurden von ihren Besatzungen selbst versenkt ("Operation Regenbogen"). Zwei U-Boote (U-530 und U-977) flohen nach Argentinien.
Die wichtigsten U-Boote des Krieges
Typ VIIC
Deutschland - Atlantik-HandelskriegDie Standardversion des meistgebauten U-Boots. 67m Laenge, 5 Torpedorohre, 14 Torpedos, 44-52 Mann Besatzung. Betriebstauchtiefe 220m, Hoechstgeschwindigkeit 17,7kn (Oberwasser) / 7,6kn (Unterwasser).
Typ XXI ("Elektro-Boot")
Deutschland - Zukunftsweisende TechnologieRevolutionaeres Design mit dreifacher Batterie-Kapazitaet, 17,2kn Unterwasser, Schnorchel und stromlinienfoermigem Rumpf. Kam zu spaet, um den Krieg zu beeinflussen, aber praegte alle Nachkriegs-U-Boote.
USS Wahoo (SS-238)
USA - Pazifik-KampagneUnter Commander Dudley "Mush" Morton eines der erfolgreichsten US-U-Boote. Versenkte 20 Schiffe (60.000 BRT) in nur 5 Patrouillen. Morton revolutionierte die US-U-Boot-Taktik mit aggressiven Angriffen und wurde posthum mit der Medal of Honor geehrt.
USS Tang (SS-306)
USA - Pazifik-KampagneUnter Commander Richard O'Kane das zweiterfolgreichste US-U-Boot (33 Schiffe, 116.000 BRT). Die Tang ging am 24. Oktober 1944 verloren, als ihr letzter Torpedo eine Kreisbahn beschrieb und sie selbst traf - eines der tragischsten Ereignisse des U-Boot-Krieges.
U-47 (Guenther Prien)
Deutschland - Beruehhmtester EinzelangriffU-47 unter Kapitaenleutnant Guenther Prien drang am 14. Oktober 1939 in den britischen Marinestützpunkt Scapa Flow ein und versenkte das Schlachtschiff HMS Royal Oak. Die kuehne Aktion machte Prien zum "Stier von Scapa Flow" und zum beruehmtesten U-Boot-Kommandanten des Krieges.
U-48
Deutschland - Erfolgreichstes U-Boot nach TonnageDas erfolgreichste U-Boot des Zweiten Weltkriegs nach Tonnage: 55 Schiffe mit 306.874 BRT unter verschiedenen Kommandanten (Schulze, Bleichrodt, Roesing) versenkt. U-48 ueberlebte den Krieg und wurde 1945 von ihrer Besatzung selbstversenkt.
Entscheidende Technologien
Der U-Boot-Krieg war ein technologischer Wettlauf. Jede Innovation einer Seite wurde von einer Gegeninnovation der anderen beantwortet.
ASDIC/Sonar
AlliierteAktives Sonar zur Ortung getauchter U-Boote. Wirksam auf 1.000-3.000m, aber erfasste nur getauchte Boote - nicht die an der Oberflaeche angreifenden U-Boote der Wolfsrudel.
Radar (ASV Mk III)
AlliierteZentimeterwellen-Radar auf Patrouillenflugzeugen erkannte aufgetauchte U-Boote. Die Deutschen konnten es mit ihrem FuMB (Funkmesstbeobachter) nicht orten und wurden ueberrascht.
HF/DF (Huff-Duff)
AlliierteHochfrequenz-Funkpeilung ortete U-Boote anhand ihrer Funksprueche an den BdU. Schiffe mit HF/DF konnten die Richtung der Funksprueche bestimmen und U-Boote aufspueren.
Enigma/Ultra
AlliierteDas Knacken der deutschen Enigma-Verschluesselung (Ultra) ermoeglichte es, U-Boot-Positionen zu erkennen und Konvois umzuleiten. Der Verlust von Ultra (M4-Enigma, Feb-Dez 1942) korrelierte mit den hoechsten Verlusten.
Schnorchel
DeutschlandEin Rohr, das das Laden der Batterien in Sehrohrtiefe ermoeglichte, ohne voll aufzutauchen. Ab 1943 auf deutschen U-Booten nachgeruestet. Reduzierte die Radar-Signatur drastisch.
T5 Zaunkoenig (Akustik-Torpedo)
DeutschlandEin akustisch suchender Torpedo, der dem Propellerlaerm von Begleitschiffen folgte. Versenkte mehrere Kriegsschiffe, bis die Alliierten den "Foxer"-Taeuschkoerper (geschleppter Laermerzeuger) entwickelten.
Das Erbe des Zweiten Weltkriegs
Der Zweite Weltkrieg praegte die U-Boot-Entwicklung fuer Jahrzehnte. Der revolutionaere Typ XXI zeigte die Zukunft: Ein schnelles, stromlinienfoermiges Unterwasserfahrzeug, das den Grossteil seiner Zeit unter Wasser verbrachte. Die USA, Grossbritannien und die Sowjetunion studierten erbeutete Typ-XXI-Boote intensiv und uebernahmen viele Konzepte fuer ihre eigenen Nachkriegs-U-Boote. Die Tang-Klasse (USA), die Whiskey-Klasse (UdSSR) und die Porpoise-Klasse (UK) waren direkte Nachkommen des Typ XXI.
Die Lehren des U-Boot-Krieges fuehrten zur Entwicklung des SOSUS-Systems, zur Perfektionierung der U-Boot-Jagd durch Patrouillenflugzeuge und zur Schaffung spezialisierter Anti-U-Boot-Kriegsfuehrung (ASW) als eigener Disziplin. Das Konvoisystem wurde zur Standardtaktik der NATO im Kalten Krieg. Und die erschreckende Effektivitaet des U-Boot-Handelskrieges - im Atlantik wie im Pazifik - begruendete die zentrale Rolle von U-Booten in der Marinestrategie aller Grossmaechte.
Die menschlichen Kosten waren enorm: 30.003 deutsche U-Boot-Fahrer, Tausende alliierte Seeleute und unzaehlige Zivilisten auf versenkten Passagierschiffen verloren ihr Leben. Die 75-prozentige Verlustrate der deutschen U-Boot-Waffe bleibt eine der hoechsten aller Militaereinheiten in der Geschichte.
Haeufig gestellte Fragen
Was war die Atlantikschlacht?
Die Atlantikschlacht (Battle of the Atlantic) war die laengste zusammenhaengende Militaerkampagne des Zweiten Weltkriegs - sie dauerte von September 1939 bis Mai 1945. Im Kern war es der Kampf deutscher U-Boote gegen alliierte Konvois, die Nachschub von Nordamerika nach Grossbritannien transportierten. Churchill nannte sie "die einzige Sache, die mich im Krieg wirklich erschreckte". Auf dem Hoehepunkt 1942/43 operierten ueber 100 deutsche U-Boote gleichzeitig im Atlantik. Die Wende kam im Mai 1943 ("Black May"), als 41 deutsche U-Boote in einem Monat versenkt wurden - mehr als je zuvor. Insgesamt wurden 3.500 alliierte Handelsschiffe und 175 alliierte Kriegsschiffe versenkt, waehrend 783 deutsche U-Boote verloren gingen.
Was war die Wolfsrudeltaktik?
Die Wolfsrudeltaktik (Rudeltaktik) wurde von Admiral Karl Doenitz entwickelt. Statt einzeln anzugreifen, sammelten sich U-Boote zu Gruppen (Wolfsruedeln) von 10-20 Booten und griffen Konvois koordiniert an. Ein U-Boot entdeckte den Konvoi und meldete Position, Kurs und Geschwindigkeit per Funk an den BdU (Befehlshaber der U-Boote). Doenitz dirigierte dann weitere U-Boote zum Angriff. Nachts griffen die U-Boote von der Oberflaeche aus an, da sie im aufgetauchten Zustand schneller waren als die Konvoi-Schiffe und von ASDIC (fruehes Sonar) nicht erfasst werden konnten. Die Taktik war 1940-42 verheerend effektiv, bis Radar, HF/DF und Langstrecken-Luftabdeckung die U-Boote ueberwaeltigten.
Was war der Typ VII U-Boot?
Der Typ VII war das meistgebaute U-Boot der Geschichte: 703 Stueck wurden zwischen 1936 und 1945 gebaut. Mit 67 Metern Laenge, 770 Tonnen Verdraengung und 5 Torpedorohren (14 Torpedos) war es das "Arbeitspferd" der deutschen U-Boot-Waffe. Die Besatzung bestand aus 44-52 Mann. Die Reichweite betrug 8.500 sm bei 10 Knoten. Der Typ VIIC war die Standardversion, der Typ VIIC/41 eine verbesserte Variante mit staerkerem Druckkoerper. Der Typ VII hatte eine Betriebstauchtiefe von 220 Metern und eine Zerstoerungs-Tauchtiefe von 280 Metern. 429 Typ VII U-Boote gingen im Krieg verloren.
Was war das revolutionaere am Typ XXI?
Der Typ XXI (auch "Elektro-Boot") war seiner Zeit weit voraus. Er hatte eine dreimal groessere Batteriekapazitaet als der Typ VII und konnte 17,2 Knoten unter Wasser fahren (gegenueber 7,6 Knoten beim Typ VII) - schneller als viele Oberflaechenbegleitschiffe. Ein Schnorchel ermoeglichte das Aufladen der Batterien in Sehrohrtiefe. Das stromlinienfoermige Design und die leise Maschinenanordnung machten ihn schwer zu orten. Haeette Deutschland den Typ XXI frueher in Dienst gestellt, haette er den U-Boot-Krieg moeglicherweise veraendert. Nur 2 Boote fuehrten noch Kriegspatrouillen durch. Das Design beeinflusste alle Nachkriegs-U-Boote: Die US Tang-Klasse, die sowjetische Whiskey-Klasse und die britische Porpoise-Klasse basierten auf Typ XXI-Konzepten.
Welche Rolle spielte Enigma im U-Boot-Krieg?
Die Enigma-Verschluesselungsmaschine war entscheidend fuer den U-Boot-Krieg. Deutsche U-Boote kommunizierten per Funk mit dem BdU, wobei alle Nachrichten mit Enigma verschluesselt wurden. Ab 1941 gelang es britischen Kryptographen in Bletchley Park (unter anderem Alan Turing), die Marine-Enigma zu knacken (Ultra-Geheimnis). Dies ermoeglichte es den Alliierten, Konvois um die U-Boot-Aufstellungen herumzuleiten und gezielte Gegenangriffe zu planen. Die Deutschen fuehrten im Februar 1942 eine vierte Walze ein (M4-Enigma), die Ultra fuer 10 Monate blockierte - diese Periode fiel mit den hoechsten alliierten Verlusten zusammen.
Wie hoch waren die Verluste der deutschen U-Boot-Waffe?
Die Verluste waren katastrophal: 783 von 1.162 gebauten U-Booten gingen verloren (67%). Von den etwa 40.000 deutschen U-Boot-Fahrern kamen 30.003 ums Leben - eine Verlustrate von 75%, die hoechste aller Teilstreitkraefte im Zweiten Weltkrieg. Zum Vergleich: Die Gesamtverlustrate der Wehrmacht lag bei etwa 30%. Trotz dieser erschreckenden Zahlen setzte Doenitz den U-Boot-Krieg bis zum letzten Tag des Krieges fort - teilweise, um alliierte Ressourcen zu binden, die sonst an anderen Fronten eingesetzt worden waeren.