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Geschichte

U-Boot-Krieg im Ersten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg war der Beginn der U-Boot-Kriegsfuehrung als strategische Waffe. Von einer Randerscheinung zu Kriegsbeginn entwickelten sich deutsche U-Boote zu einer Bedrohung, die Grossbritannien an den Rand der Niederlage brachte. Der uneingeschraenkte U-Boot-Krieg, die Versenkung der Lusitania und die Einfuehrung des Konvoisystems veraenderten die Seekriegsfuehrung fuer immer - und beeinflussten den Ausgang des Krieges.

5.000
Schiffe versenkt
178
Deutsche U-Boote verloren
375
Deutsche U-Boote gebaut
39%
Verlustrate U-Boot-Fahrer

Wie das U-Boot den Krieg veraenderte

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 betrachteten die meisten Admirale das U-Boot als Randwaffe - nuetzlich fuer die Kuestenverteidigung, aber strategisch unbedeutend. Die deutsche Kaiserliche Marine besass nur 28 U-Boote, waehrend die Royal Navy die See mit ueber 600 Oberflaechenschiffen beherrschte. Niemand ahnte, dass diese kleine Flotte von Unterwasserfahrzeugen die gesamte britische Seeherrschaft in Frage stellen wuerde.

Die Wende kam am 22. September 1914, als U-9 unter Otto Weddigen drei britische Panzerkreuzer in einer Stunde versenkte. Ploetzlich war klar: U-Boote konnten selbst grosse Kriegsschiffe vernichten. Deutschland erkannte das strategische Potential und begann einen massiven U-Boot-Bau. Bis Kriegsende wurden 375 U-Boote gebaut - eine enorme industrielle Leistung.

Die wahre strategische Bedeutung lag jedoch nicht in der Versenkung von Kriegsschiffen, sondern im Handelskrieg. Grossbritannien war als Insel abhaengig von Importen - Nahrungsmittel, Rohstoffe, Munition. Durch die systematische Versenkung von Handelsschiffen konnten deutsche U-Boote Grossbritannien theoretisch aushungern. Im Fruehjahr 1917 waren die Verluste so hoch, dass Grossbritannien nur noch sechs Wochen Getreidevorraete hatte. Erst die Einfuehrung des Konvoisystems wendete die Krise.

Chronologie

Schluessel-Ereignisse des U-Boot-Krieges

Erste U-Boot-Erfolge (1914)

August - Dezember 1914
Bewies die toedliche Wirksamkeit von U-Booten gegen Kriegsschiffe

Am 22. September 1914 versenkte U-9 unter Kapitaenleutnant Otto Weddigen drei britische Panzerkreuzer (HMS Aboukir, HMS Hogue, HMS Cressy) innerhalb einer Stunde. 1.459 Seeleute kamen ums Leben. Dieser Schock bewies das enorme Potential der U-Boot-Waffe und veraenderte die Seekriegsstrategie fuer immer. Weddigen wurde zum Nationalhelden und erhielt das Eiserne Kreuz.

Erster uneingeschraenkter U-Boot-Krieg (1915)

Februar - September 1915
Lusitania-Katastrophe - Wendepunkt in der oeffentlichen Meinung

Deutschland erklaerte die Gewaesser um die britischen Inseln zum Kriegsgebiet und drohte, alle Handelsschiffe ohne Warnung zu versenken. Die Versenkung der Lusitania am 7. Mai 1915 (1.198 Tote) erzeugte internationale Empoerung. Unter dem Druck der USA und neutraler Staaten schraenkte Deutschland den uneingeschraenkten U-Boot-Krieg im September 1915 wieder ein.

Dardanellen-Kampagne (1915)

Januar - Dezember 1915
Bewies die Faehigkeit von U-Booten in eingeschraenkten Gewaessern

Britische und franzoesische U-Boote operierten in der Meerenge der Dardanellen und im Marmarameer gegen die tuerkische Flotte. Die Durchquerung der stark verminten und von Stroemungen gepraegten Meerenge war extrem gefaehrlich. Britische U-Boote wie die E-11 unter Lieutenant Commander Nasmith versenkten zahlreiche tuerkische Schiffe und stoerten den Nachschub nach Gallipoli erheblich.

Wiederaufnahme des uneingeschraenkten U-Boot-Krieges (1917)

Februar 1917
April 1917: 860.000 BRT versenkt - hoechste Monatsverluste des Krieges

Am 1. Februar 1917 nahm Deutschland den uneingeschraenkten U-Boot-Krieg wieder auf - eine bewusste Entscheidung, die den Kriegseintritt der USA riskierte. Die deutsche Marinefuehrung rechnete damit, Grossbritannien innerhalb von 5 Monaten durch eine totale Seeblockade zur Kapitulation zu zwingen, bevor amerikanische Truppen wirksam werden koennten. Im April 1917 wurden 860.000 BRT versenkt - ein Rekord, der Grossbritannien tatsaechlich an den Rand der Niederlage brachte.

Kriegseintritt der USA (1917)

April 1917
Strategischer Fehler - fuehrte zum entscheidenden Kriegseintritt der USA

Die Versenkung neutraler und amerikanischer Schiffe, kombiniert mit dem abgefangenen Zimmermann-Telegramm (in dem Deutschland Mexiko ein Buendnis gegen die USA anbot), fuehrte am 6. April 1917 zum Kriegseintritt der USA. Die Entscheidung Deutschlands, den uneingeschraenkten U-Boot-Krieg wieder aufzunehmen, wird von Historikern als einer der groessten strategischen Fehler des Krieges bewertet.

Einfuehrung des Konvoisystems (1917)

Mai 1917
Reduzierte Verluste von 25% auf unter 1% - entscheidende Gegenmassnahme

Unter dem Druck katastrophaler Verluste fuehrte die Royal Navy im Mai 1917 das Konvoisystem ein - Handelsschiffe fuhren in grossen Gruppen unter dem Schutz von Kriegsschiffen. Die Wirkung war dramatisch: Die Verlustrate sank von 25% (Einzelfahrer) auf unter 1% (Konvoi). U-Boote konnten Konvois nur schwer angreifen, da die Begleitschiffe mit ASDIC (fruehes Sonar) und Wasserbomben ausgestattet waren.

Technik

Deutsche U-Boot-Typen im Ersten Weltkrieg

Die deutsche U-Boot-Flotte entwickelte sich im Laufe des Krieges von kleinen Kuestenbooten zu grossen U-Kreuzern fuer den Atlantik-Einsatz.

U-Boot Typ U 1 (1906)

Das erste deutsche U-Boot, U 1, lief 1906 vom Stapel. Es hatte 42 Meter Laenge, eine Verdraengung von 238 Tonnen und war mit einem einzelnen Torpedorohr bewaffnet. Die Besatzung bestand aus 22 Mann. Die Hoechstgeschwindigkeit betrug 10,8 Knoten ueber Wasser und 8,7 Knoten unter Wasser.

Bewaffnung

1 Torpedorohr (45 cm)

Besatzung

22

Typ U 19-Klasse (1912)

Die U 19-Klasse war das erste deutsche U-Boot mit Dieselmotoren (statt Petroleum). Sie hatte 4 Torpedorohre und eine Reichweite von 7.600 sm. Die Klasse umfasste 4 Boote, die zu Beginn des Krieges die modernsten U-Boote Deutschlands waren.

Bewaffnung

4 Torpedorohre (50 cm), 1 Deckgeschuetz

Besatzung

35

Typ UB I (1915)

Die UB I-Klasse war ein kleines Kuestenboot, das schnell und in grossen Stueckzahlen gebaut werden konnte. Mit nur 28 Metern Laenge und 127 Tonnen war es fuer Einsaetze in der Nordsee und im Aermelkanal gedacht. 17 Boote wurden gebaut, oft in Sektionen an der Kueste zusammengesetzt.

Bewaffnung

2 Torpedorohre (45 cm)

Besatzung

14

Typ UC I (Minenleger, 1915)

Die UC I-Klasse war ein spezielles Minenleger-U-Boot. Es konnte 12 Minen durch vertikale Schaechte im Bug legen, ohne aufzutauchen. Minen waren eine der effektivsten U-Boot-Waffen - sie versenkten Dutzende von Schiffen ohne Risiko fuer das U-Boot. 15 Boote wurden gebaut.

Bewaffnung

12 Minen (UC 200), keine Torpedos

Besatzung

14

Typ U 93-Klasse (Mittel-U-Boot, 1916)

Die U 93-Klasse war der Standard-Hochseetyp der spaeten Kriegsjahre. Mit 6 Torpedorohren, Deckgeschuetz und einer Reichweite von 9.400 sm war sie fuer den Atlantik-Einsatz konzipiert. 86 Boote wurden bestellt, 44 fertiggestellt.

Bewaffnung

6 Torpedorohre (50 cm), 1 Deckgeschuetz (10,5 cm)

Besatzung

36

Typ U 139-Klasse (U-Kreuzer, 1917)

Die groessten deutschen U-Boote des Ersten Weltkriegs. Mit 92 Metern Laenge, 6 Torpedorohren und zwei 15-cm-Geschuetzen waren sie fuer weitreichende Einsaetze im Atlantik und vor der US-Kueste konzipiert. Drei Boote wurden gebaut: U 139, U 140 und U 141. Sie operierten vor der amerikanischen Ostkueste.

Bewaffnung

6 Torpedorohre, 2 Geschuetze (15 cm)

Besatzung

62

Statistiken

Der U-Boot-Krieg in Zahlen

375
Deutsche U-Boote gebaut
Verschiedene Typen von U 1 bis U-Kreuzer
178
Deutsche U-Boote verloren
48% Verlustrate - hoechste aller Waffengattungen
~5.000
Deutsche U-Boot-Fahrer gefallen
Von insgesamt ~13.000 - 39% Verlustrate
~5.000
Alliierte Schiffe versenkt
12,8 Millionen BRT Handelsschiffsraum
860.000 BRT
Hoechste Monatsverluste
April 1917 - Hoehepunkt des U-Boot-Krieges
unter 1%
Verlustrate mit Konvoi
Gegenueber 25% ohne Konvoischutz

Das Erbe des Ersten Weltkriegs fuer den U-Boot-Krieg

Der Erste Weltkrieg etablierte das U-Boot als strategische Waffe. Die Lehren waren klar: U-Boote konnten eine Seemacht bedrohen, die in Oberflaechenschiffen weit ueberlegen war. Der Handelskrieg war die effektivste Einsatzform, und das Konvoisystem war die beste Gegenmassnahme. Diese Lehren wuerden im Zweiten Weltkrieg erneut bestaetigt - und im Atlantik zu einer noch groesseren Konfrontation fuehren.

Der Vertrag von Versailles verbot Deutschland den Besitz von U-Booten - eine Bestimmung, die die Bedeutung unterstreicht, die die Alliierten der U-Boot-Bedrohung beimassen. Doch heimlich begann Deutschland bereits in den 1920er-Jahren mit dem Entwurf neuer U-Boote ueber getarnte Konstruktionsbueros in den Niederlanden und Finnland. Als Hitler 1935 den Versailler Vertrag brach, konnte Deutschland auf fertige Entwuerfe zurueckgreifen und begann sofort mit dem Bau einer neuen U-Boot-Flotte - der Typ VII, der im Zweiten Weltkrieg zur meistgebauten U-Boot-Klasse der Geschichte werden sollte.

Haeufig gestellte Fragen

Was war der uneingeschraenkte U-Boot-Krieg?

Der uneingeschraenkte U-Boot-Krieg war eine deutsche Strategie, bei der U-Boote alle Schiffe - einschliesslich neutraler Handelsschiffe - ohne Warnung versenkten, die sich in einem definierten Sperrgebiet um Grossbritannien befanden. Deutschland fuehrte diese Strategie zweimal ein: Februar bis September 1915 und ab Februar 1917. Die Wiederaufnahme im Februar 1917 war eine verzweifelte Massnahme, um Grossbritannien durch eine Seeblockade zur Kapitulation zu zwingen, bevor amerikanische Truppen in Europa eintrafen. Die Strategie war militaerisch teilweise erfolgreich (April 1917: 860.000 BRT versenkt), fuehrte aber direkt zum Kriegseintritt der USA im April 1917, was letztlich den Krieg entschied.

Was war die Lusitania-Katastrophe?

Am 7. Mai 1915 versenkte das deutsche U-Boot U-20 unter Kapitaenleutnant Walther Schwieger den britischen Passagierdampfer RMS Lusitania vor der irischen Kueste. 1.198 Menschen starben, darunter 128 Amerikaner. Die Lusitania fuehrte - wie spaeter bestaetigt - tatsaechlich Munition in ihrem Frachtraum, aber die Versenkung eines Passagierschiffs wurde international als Kriegsverbrechen verurteilt. Der Vorfall erzeugte eine massive anti-deutsche Stimmung in den USA und trug wesentlich zum spaetere amerikanischen Kriegseintritt bei. Deutschland setzte den uneingeschraenkten U-Boot-Krieg voruebergehend aus.

Was war ein Q-Schiff?

Q-Schiffe (auch U-Boot-Fallen oder Mystery Ships) waren bewaffnete Handelsschiffe, die als harmlose Frachtschiffe getarnt waren. Wenn ein deutsches U-Boot auftauchte, um das scheinbar wehrlose Schiff nach den Prisenregeln zu stoppen, liess das Q-Schiff seine Tarnung fallen: Verborgene Geschuetze wurden enthuellt, und das Q-Schiff eroeffnete das Feuer auf das aufgetauchte U-Boot. Zwischen 1914 und 1918 setzte die Royal Navy ueber 200 Q-Schiffe ein. Sie versenkten 14 U-Boote und beschaedigten 60 weitere. Allerdings wurden die Deutschen bald misstrauisch, was dazu beitrug, dass sie die Prisenregeln aufgaben und zum uneingeschraenkten U-Boot-Krieg uebergingen.

Was waren die Prisenregeln im U-Boot-Krieg?

Die Prisenregeln (Prize Rules, auch Cruiser Rules) waren voelkerrechtliche Vorschriften fuer den Seekrieg, die vor dem Ersten Weltkrieg galten. Sie verlangten, dass ein Kriegsschiff ein feindliches Handelsschiff anhalten, durchsuchen und gegebenenfalls als Prise beschlagnahmen durfte. Vor dem Versenken musste die Besatzung und die Passagiere in Sicherheit gebracht werden. Fuer U-Boote waren diese Regeln problematisch: Ein aufgetauchtes U-Boot war verwundbar gegenueber versteckten Geschuetzen und Ramm-Angriffen. Die Regeln machten den U-Boot-Krieg ineffizient und gefaehrlich fuer die U-Boot-Besatzungen, was Deutschland letztlich zur Aufgabe der Prisenregeln und zum uneingeschraenkten U-Boot-Krieg trieb.

Wie viele Schiffe wurden im Ersten Weltkrieg von U-Booten versenkt?

Deutsche U-Boote versenkten im Ersten Weltkrieg etwa 5.000 alliierte und neutrale Schiffe mit insgesamt rund 12,8 Millionen BRT (Bruttoregistertonnen). Allein im April 1917 wurden 860.000 BRT versenkt - der Hoehepunkt des U-Boot-Krieges. Britische U-Boote versenkten ihrerseits ueber 270 feindliche Schiffe, hauptsaechlich im Mittelmeer und an den Dardanellen. Insgesamt gingen im Krieg ueber 15.000 Seeleute durch U-Boot-Angriffe ums Leben. Die Einfuehrung des Konvoisystems ab Mai 1917 reduzierte die Verluste dramatisch: Von 25% gesunkener Schiffe ohne Konvoi auf weniger als 1% mit Konvoischutz.

Wie viele U-Boote verlor Deutschland im Ersten Weltkrieg?

Deutschland verlor 178 U-Boote im Ersten Weltkrieg - von insgesamt 375 gebauten. Die Verlustrate war erschreckend hoch: 48% aller gebauten U-Boote gingen verloren, und etwa 5.000 der insgesamt 13.000 U-Boot-Fahrer fielen - eine Verlustrate von fast 40%, die hoechste aller Waffengattungen. Die haeufigsten Ursachen waren: Minen (48 U-Boote), Wasserbomben (30), Rammung (19), Geschuetzfeuer (20), eigene Fehler und unbekannte Ursachen (Rest). Nach dem Waffenstillstand mussten die verbliebenen 176 U-Boote an die Alliierten uebergeben werden.